Kamilla Bischof

25.6. - 25.7. 2020


 

 




PRESS RELEASE

Am Fuße der großen Stehlampe

Malerei mit Sprungfedern
Zu Kamilla Bischofs Ausstellung „Am Fuße der großen Stehlampe“

Das Hippopotamos ist flach, zeichenhaft wie ein Emoji, auf fast schon vulgäre Weise lila. Kamilla Bischof hat das Plastikobjekt für Kinder – eine Kombi aus Planschbecken, Buddelkasten und Sitzgelegenheit – enteignet und zum malerischen Grund erweitert, ein paar Tätowierungen schmücken nun seinen Rücken. Ähnlich wie beim illustrierten Mann im Roman von Ray Bradbury, dessen Körperbilder lebendig werden und sich öffnen zu Eingängen in Kurzgeschichten, könnte man von den Zeichnungen ausgehend Erzählfäden spinnen. Oder aber man betrachtet das Flusspferd, das die Künstlerin als Motiv für die Einladung zur Ausstellung gewählt und vor einen Spiegel positioniert hat, als eine Art Wegweiser zu den Malereien. Schließlich finden sich in dem anrührenden Doppelporträt (oder auch Selbstporträt) zahlreiche Motive formuliert, die für Bischofs Arbeiten charakteristisch sind: die Lust an der Erzählung, am Fabulieren, Momente von Inszenierung, Maskerade und Autofiktion, ein Faible für Weggeworfenes, für hybride Figuren. Dann die Ambivalenz von Heiterkeit und Bedrängnis, Phantastik und Alltagsrealität, aus der Zeit Gefallenem und Gegenwartsbezug. Andere Verhältnisse, die in Schräglage geraten, sind die von Bild und Text, aber auch innerhalb der sprachlichen Konfigurationen gibt es Kippmomente. Etwa in Titeln wie „Sonne oder Sauna“, mehr aber noch in den Texten, die autonom neben den Bildern existieren (zu lesen sind sie etwa im Katalog zur Ausstellung „Schön vermählt“, die Ende letzten Jahres im Künstlerhaus Graz stattfand). Ein bisschen verknickt klingt auch der Titel zu dieser Ausstellung: „Am Fuße der großen Stehlampe“. Die Erwartung an etwas Großes, vor allem Räumliches bekommt einen Dämpfer: Am Ende der Ortsangabe wartet ein Gegenstand des täglichen Gebrauchs. Es ist ein Spiel auch mit Größenverhältnissen oder eher Missverhältnissen – ein Prinzip, dem man bei Bischof immer wieder begegnet. Zum Beispiel in dem Bild „Geschichten aus dem Gardinenwald“. Oder in der in Zusammenarbeit mit Laura Welker entstandenen Videoarbeit „Victoria’s Secret Subtenants“ (2018), die einem bizarren erotischen Schauspiel in einem Puppenhaus folgt.

Die in „Am Fuße der großen Stehlampe“ gezeigten Bilder sind alle in den letzten drei, vier Monaten entstanden. Sie wirken fester und geschlossener als die eher luftig angelegten Arbeiten, die zuletzt in Graz und Berlin zu sehen waren, vielleicht auch ein wenig geführter, der skurrile Überschwang macht einem atmosphärisch etwas dunkleren Ton Platz. Die Ölfarben sind kräftig und gedeckt, es gibt viel Grau und Blau, die Rottöne gehen ins Rostige, auch das Orange sieht nicht mehr ganz frisch aus. Der stellenweise dann doch wolkige Eindruck entsteht durch den Einsatz von Spray, gelegentlich bearbeitet die Künstlerin die Maloberfläche auch mit Kreide, so ergeben sich Stellen mit eher haptischer Textur. Diese Bilder wirken eher organisch gewachsen als gesetzt, das Verhältnis von Ausformuliertem und Skizzenhaftem folgt dennoch einer ökonomischen Logik.
Ihre zeichnerische Anlage kommt ihnen zugute.

Auf den ersten Blick herrscht Übersichtlichkeit: Ein Basketball liegt in einem Blumenbeet, eine nackte Frau mit robustem Schuhwerk stemmt vor einem Spiegel Gewichte, ein Wesen mit Engelsflügeln sitzt auf einem Hydranten, im Hintergrund fährt ein Bus vorbei. Man ist schnell versucht, die einzelnen Elemente zu einer narrativen Szene zu ordnen – mit der Beschreibung von Figuren, Schauplätzen, Handlungen. Durch das Verschieben und gezielte Verunklaren von Beziehungen bringt Bischof das Erzählmaterial jedoch bald aus der Ordnung. Gerade in den bühnenhaften, vermeintlich offenen Anordnungen lauern Verstecke, vielleicht auch Fallen. In „Sonne oder Sauna“ führt eine Leiter vor blauem Himmel in das triste Setting einer einsamen Existenz, die vor lauter Müh, ein bestimmtes Bild von sich selbst zu modellieren, die Verbindung zur Welt verloren hat. Das zeltartige Ding in „Das gelackte Leben“ sieht einladend aus, mit seinen Zähnen erinnert es aber auch an eine fleischfressende Pflanze, an eine Mundhöhle oder, nicht weniger beängstigend, an eine Vagina Dentata.

Oder „Geschichten aus dem Gardinenwald“, ein Bild, das mit Dimensionen und volkstümlich-fröhlichem Überschuss spielt. Eine durcheinandergewürftelte Menge aus Menschen, Tieren, Sachen und Körperfragmenten reiht sich am Rand einer Sprechblase, die zur Bühne umgemünzt wurde. Bei Bischof ist die Welt der Figuren und Dinge ein dynamischer Mechanismus, der ständig neue Bedeutungen, Funktionen und Gestalten generiert – die Sprungfedern einer Matratze könnten zu Spinnen mutieren, aus einem paar Gartenclogs steigt eine Rauchwolke aus Fragezeichen. Man kennt diese Art der Elastizität und Zweckentfremdung aus dem Animationsfilm. Etwa aus Walt Disneys „Steamboat Willie“, in dem Mickey Mouse als frecher Deckhelfer mit allem Musik macht, was ihm so in die Hände gerät, und es ist vielleicht kein Zufall, dass auf den neuen Bildern vermehrt comichafte Elemente zirkulieren. Auch das Listige haben Bischofs Malereien mit den Cartoons gemein. Es ist einfach immer mit allem zu rechnen, man muss schon ein wenig auf der Hut sein.

ESTHER BUSS

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