Annette Kelm

Die Bücher

8.5.–31.7. 2021

 

 

 

PRESSETEXT

english version below

Von Vanessa Joan Müller

Annette Kelms künstlerische Praxis mit ihrem Fokus auf das Serielle und die scheinbar objektive An- näherung an mehrfach codierte Gegenstandswelten wird oft als eine konzeptuelle bezeichnet, weil sie das Medium Fotografie reflektiert und sich dessen klassische Genres aneignet, um deren Konventionen in einer abstrahierten, zeitgenössischen Adaption bewusst unvollständig zu erfüllen. Fotografische Formen der Repräsentation werden in Bezug auf ihre semantische Aufladung des Gezeigten ausgelotet, zugleich nisten sich subtile Bedeutungsambivalenzen in die Darstellung ein. Kelms Serie „Die Bücher“ differiert von den bisherigen Werken allerdings insofern, als dass sie in einem ungleich größeren Maß die Frage nach dem Gegenstand und seinem Bild reflektiert. Das liegt vor allem daran, dass die fotografierten Bücher Artefakte sind, in deren grafischer Gestaltung sich Kulturgeschichte anschaulich spiegelt, die aber in eine viel größere Geschichtsschreibung eingebunden sind.

Am 10. Mai 1933 verbrannten nationalsozialistische Studenten rund 30.000 Bücher auf dem Opernplatz in Berlin. Auf Initiative der Deutschen Studentenschaft folgten zahlreiche Bücherverbrennungen in anderen deutschen Städten, auch wurden „Listen des schädlichen und unerwünschten Schrifttums”erstellt, auf deren Basis „undeutsches” Gedankengut aus den Bibliotheken und Buchläden entfernt wurde. Diese Listen umfas-sen die Namen vieler bekannter Autor*innen, aber auch solche, die seitdem aus dem kulturellen Gedächtnis verschwunden sind. Bei den verfemten Büchern handelte es sich um politische Literatur, um wissenschaft-liche Bücher, Romane und Gedichte, sogenannte Trivialliteratur, selbst Kinderbücher wurden verbrannt. Sie wurden gebrandmarkt, weil sie einen progressiven Zeitgeist spiegelten, weil sie „linkes” Gedankengut verbreiteten, weil sie für Emanzipation der Frau standen, für andere Rollenvorstelllungen, Geschlechter-verständnisse, für Homosexualität oder Internationalismus – oder weil sie von jüdischen Autor*innen verfasst wurden.

Annette Kelms Fotografien zeigen jeweils die zeitgenössische Ausgabe einer Publikation, die bei den Bücherverbrennungen medien- und öffentlichkeitswirksam in Flammen aufging oder auf einer der Listen verfemter Publikationen stand. Das Buch wird in diesen Bildern zum planen Objekt, das Cover rückt ins Zentrum. Diese Betonung des Faktischen vermeidet eine symbolische Aufladung, stattdessen tritt die kulturelle und ideologische Bedeutung der Publikationen in den Vordergrund. Die Ausrichtung an formalen Kriterien und der Verzicht auf alles Erzählerische betont zudem die Übersetzung des Gegenstandes in den zweidimensionalen Raum der Fotografie: Das Buch wird Bild.

Die Bücher, die Annette Kelm zeigt, stammen tatsächlich aus der damaligen Zeit. Das macht sie zu affektiv besetzten Kommunikationsträgern, Überlebenden des Autodafés von 1933 und Stellvertretern ihrer Autor*innen, von denen viele ins Exil gegangen sind, verfolgt oder ermordet wurden. Es macht sie in ihrer fotografischen Repräsentation aber auch zu Relikten einer Vergangenheit, die sich einem unmittelbaren Zugriff widersetzen. Wir können in diesen Büchern nicht blättern, sie nicht lesen, sondern nur als Bild betrachten. Das lässt sie, die so unmittelbar wirken, in ihrer fotografischen Präsenz zur Abstraktion werden, die ganz grundsätzlich danach fragt, wie und zu welchen Bedingungen Erinnerungskultur noch funktionieren kann, wenn diejenigen, die von der Vergangenheit als Zeitzeug*innen berichten könnten, immer weniger werden.

Es gibt kein Archiv der verfemten Bücher, das hier fotografiert wurde. Es geht auch nicht um Vollständig-keit. Annette Kelms „Die Bücher” macht keinen Unterschied zwischen einem gewöhnlich anmutenden und einem expressiven, gar evokativen Buch. Alle sind gleichermaßen zur Betrachtung gestellt und damit der Vergangenheit entrissen. Das historische Relikt rettet sich als visuelles in die Gegenwart, weigert sich jedoch Teil einer Erinnerungskultur zu werden, die auf historisch dokumentarische Bilder rekurriert und nochmals die Selbstinszenierung der Täter und brennende Bücherstapel zeigt. Kelm liefert eine Alternative zu diesen bekannten Bilddokumenten, die in die Vergangenheit führen – und stellt die Autor*innen und Opfer der nationalsozialistischen Politik in den Mittelpunkt, indem sie ihnen ihre teilweise bis heute verlorene Sichtbarkeit zurückgibt. Ihre Bücher zu lesen, macht sie lebendig.

 

Annette Kelm’s artistic practice, with its focus on seriality and a seemingly objective approach to multiply coded materialities, is often described as conceptual—it reflects on the medium of photography and appropriates its classical genres in order to fulfill their conventions in a deliberately incomplete way by means of an abstracted, contemporary adaptation. Photographic forms of representation are explored in terms of the semantic charge they lend to the subject, though the representation is simultaneously infiltrated by subtle ambivalences of meaning. Kelm’s series Die Bücher [The Books] differs from her previous work, however, in that it considers the question of the object and its image to a dispropor-tionately greater degree. This is due above all to the fact that the photographed books are artifacts whose graphic design vividly reflects cultural history, but which are integrated into a much larger historiography.

On 10 May 1933, National Socialist students burned some 30,000 books on the Opernplatz in Berlin.
On the initiative of the German Student Union, numerous book burnings followed in other German cities. “Lists of harmful and undesirable literature” were also drawn up, on the basis of which “un-German” ideas were removed from libraries and bookstores. These lists included many well-known authors, but also those who have since disappeared from cultural memory. The banned books covered political literature, scientific books, novels, and poems, so-called trivial literature —even children’s books were burned. They were denounced because they reflected a progressive zeitgeist, because they spread “leftist” ideas, because they stood for the emancipation of women, alternative role expectations, gender relations, homosexuality
or internationalism—or because they were written by Jewish authors.

Annette Kelm’s photographs show the contemporary edition of publications that fell victim to the public spectacle of the book burnings or were blacklisted. In these pictures, the book becomes a planar object, the cover becomes central. This emphasis on the factual avoids symbolic freighting, allowing the cultural and ideological significance of the publications to come to the fore instead. The orientation towards formal criteria and the renunciation of any narrative elements also emphasizes the translation of the object into the two-dimensional space of photography—the book becomes an image.

The books Annette Kelm depicts are in fact from that time. This makes them affectively charged vehicles of communication, survivors of the auto-da-fé of 1933, and representatives of their authors—many of whom went into exile, were persecuted or murdered. Their photographic representation, however, also makes them relics of a past that resist immediate accessibility. We cannot leaf through these books, we cannot read them, we can only look at them as images. As immediate as their photographic presence makes them seem, it renders them as abstractions that beg the very fundamental question of how and under what conditions historical consciousness can continue to function when fewer and fewer contemporary witnesses remain to report on the past.

There is no archive of blacklisted books that Kelm could simply photograph; Nor does the series strive for completeness. Annette Kelm’s Die Bücher [The Books] does not distinguish between ordinary-looking books and those that are expressive, even evocative. They are all presented for contemplation on equal footing, and thereby wrested from the past. The historical relic rescues itself into the present in visual form, while refusing to make the ultimately incomprehensible tangible or to become part of a historical con-sciousness that, by referencing historical images, yet again highlights the perpetrators’ self-aggrandize-ment and the burning piles of books. Kelm provides an alternative to these familiar, backward-looking documentary images, focusing instead on the authors and victims of National Socialist politics by giving them back a visibility that, to some extent, remains lost to this day. Reading their books brings them alive.

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